„Meine Stadt und Ich – Konstanzer Senioren erzählen“

Copyright: Illustratorin Stefanie Seltner

Leseprobe von Karin Prengel:

Als Weltenbummlerin im ruhigen Hafen angelegt

Glauben Sie an Schicksal? Ich eigentlich nicht. Doch wenn ich darüber nachdenke, warum ich als gebürtige Berlinern in Konstanz lebe, kommen mir Zweifel, ob nicht doch eine unsichtbare Hand mich hierher geleitet hat. Um das zu erklären, muss ich zurückreisen in meine Jugendjahre. (…)

Die Bodenseeregion interessierte mich damals am meisten, ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. „So eine altertümliche, kleine Stadt wäre ja mal was anderes“, dachte ich und entschied mich für Konstanz. Los ging es vom Zentralen Omnibusbahnhof am Funkturm, natürlich mit dem Bus, denn in jener Zeit konnten nur die „gut Betuchten“ fliegen! In Konstanz angekommen war es schon Abend. Ich wurde von einer älteren Dame am Busbahnhof abgeholt und zu Fuß in mein Quartier gebracht. Erst später stellte sich heraus, dass es sich um die Wohnung meiner Vermieterin handelte, die das Geld sehr nötig hatte, weil ihr Mann verstorben war und ihre Rente vorne und hinten nicht reichte. 

Die Woche verlief ganz nach meinem Geschmack. Ich frühstückte gut, zog meine Dreiviertel-Hose an oder ein Kleid mit Petticoat drunter, so wie es damals Mode war. Los gings, die Bodenseeregion erkunden: mit Schiff, Zug, Fahrrad oder zu Fuß. Ich bin ein aufgeschlossener Charakter und lernte dadurch schnell andere junge Urlauber kennen. Abends saßen wir oft noch lange auf der Marktstätte zusammen und redeten über unsere Erfahrungen. Nach acht Tagen war leider alles vorbei. Wir tauschten Adressen aus und schrieben uns noch eine Weile. So ist das immer wieder mit guten Begegnungen, die aber nach einer gewissen Zeit verblassen.

Wieder zurück in der Hauptstadt eröffneten mir meine Eltern, dass sie sich trennen wollten. Und da ich noch nicht volljährig war, musste ich mich entscheiden, bei wem ich in Zukunft leben wollte. Eine schreckliche Entscheidung! Danach, so denke ich rückblickend, begann mein Leben als Erwachsene mit sehr vielen Höhen und Tiefen. Irgendwann sollte ich wieder in Konstanz landen.

Noch lebte ich in Berlin. Ich arbeitete, lernte Männer kennen, bei einem blieb ich „hängen“, es wurde geheiratet. Zwei Kinder brachte ich auf die Welt und wir zogen fast alle drei Jahre innerhalb Deutschlands um. Bis mein Mann, gebürtiger Spanier, beruflich nach Südeuropa versetzt wurde: Wir zogen also mit Sack und Pack nach Spanien. Es gab Probleme mit der Um- und Einschulung der Kinder, mit dem Erlernen der fremden Sprache und den kulturellen Gepflogenheiten. Auch die Hitze machte mir und den Kindern enorm zu schaffen. In Spanien ging gerade die Diktatur Francisco Francos zu Ende, die Umorientierung der Landsleute verlief keineswegs einfach. Die zuvor altmodischen Spanierinnen kleideten sich plötzlich sexy, eine Emanzipation von einem Extrem ins Andere. Ich dagegen fühlte mich in der klassischen Frauenrolle gefangen, obwohl ich aus dem moderneren Land kam.

Ich verbrachte knapp 20 Jahre dort – mit schönen und weniger guten Erinnerungen. Und dann kam es, wie es kommen musste: genau wie bei meinen Eltern erfolgte nach etlichen Ehejahren die Trennung. Unsere Kinder waren inzwischen erwachsen geworden und hatten ihre Partner.

Ich ging in meine Heimatstadt Berlin zurück, es war Mitte der Achtzigerjahre. Eine dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin schloss ich mit einem guten Examen ab und fand keine Arbeit. Ich war mit meinen fünfzig Jahren zu alt für eine Berufsanfängerin. Erschwerend kam hinzu, dass die „Mauer“ ein halbes Jahr zuvor geöffnet worden war, und viele wesentlich jüngere berufserfahrene Krankenschwestern und Pfleger sich im Westen Berlins einen Job suchten. Ich hätte mit den Absagen ein kleines Zimmer „tapezieren“ können. Heulen war beinahe an der Tagesordnung. Eine Berufsberaterin beim Arbeitsamt gab mir den Tipp, es doch mal in Süddeutschland zu probieren. Garmisch-Partenkirchen, Sindelfingen, Stuttgart, München und Konstanz standen auf meiner Liste und überall wurden mir Übernachtungen angeboten und – ich wäre überall eingestellt worden. Aber in Konstanz bemühte man sich besonders um mich. 

Kurzerhand entschloss ich mich, alle Kontakte in Berlin abzubrechen und in der kleinen Stadt am See meine Zelte aufzuschlagen. Das Wichtigste war für mich, finanziell unabhängig zu sein. Im Herbst 1995 kam ich also wieder einmal am Konstanzer Bahnhof an, als erwachsene Frau inzwischen. Mehr als 30 Jahre waren seit meinem ersten Besuch vergangen.

Leseprobe von Karin Prengel aus dem Buch „Meine Stadt und Ich – Konstanzer Senioren erzählen“. Manuela Ziegler (Hrsg.), Konstanz 2021. ISBN 978-3-00-067951-3. 

weitere Infos unter: info@textwerk-konstanz.de. www.textwerk-konstanz.de

Lesung und Gespräch zu “Meine Stadt und Ich – Konstanzer Senioren erzählen“ am 10.08.2021 von 15-17 Uhr am Seniorenzentrum Bildung + Kultur (SeZe), Obere Laube 38, 78462 Konstanz. Anmeldung per mail seniorenzentrum@konstanz.de, oder tel +49 7531 9189834
Ausstellung zum Buch von 27.8.-11.9.2021 im Gewölbekeller des Kulturzentrums Konstanz, Aktuelle Öffnungszeiten: Do-Fr: 14-18 Uhr, Sa: 14-17 Uhr 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.